Stressoren, chronischer Stress und seine Folgen (3/5)

Stress – jeder kennt ihn, alle haben ihn, manche brauchen ihn. Warum ist das so? Wo kommt Stress her und wie verschwindet er wieder? Macht Stress Sinn oder nur krank? Welche Folgen hat chronischer Stress und wie kommen wir da je wieder raus?


Im ersten Teil unserer Serie haben wir den Stress aus einem biologischen Blickwinkel betrachtet und sind im zweiten Teil näher auf die psychologische Sicht eingegangen. Nun beschäftigen wir uns mit allem, was uns stresst (den Stressoren) und erfahren, wie sich chronischer Stress auf uns auswirkt.

Ein Stressor – was ist das eigentlich?

Als Stressoren bezeichnet man alle Reize, die eine Stressreaktion in Gang setzen und damit eine Reaktion des Organismus auf den Reiz verlangen. Über das Nerven- und Hormonsystem sind alle Organsysteme an dieser Reaktion beteiligt.

Ein Stressor ist also all das, was uns stresst. So unterschiedlich wir Menschen sind, so unterschiedlich können Stressoren sein. Derselbe Reiz kann für den einen zum Stressor werden, für einen anderen dahingegen nicht. Den entscheidenden Unterschied macht die Bewertung.

Das stresst uns am meisten

Unabhängig von unserer subjektiven Bewertung gibt es Reize, die bei sehr vielen Menschen Stress auslösen. Sie werden in sechs Gruppen unterteilt:

1. Alltags- und Arbeitsbelastungen und physikalisch-sensorische Stressoren

Hierzu zählen zum Beispiel Zeitdruck, zu viel Arbeit, Lärm oder Schlafentzug.

2. Soziale und leistungsbezogene Stressoren

Überforderung und Unterforderung, Konkurrenz und Isolation sowie zwischenmenschliche Konflikte zählen zu dieser Gruppe.

3. Körperliche Stressoren

Alle Beeinträchtigungen, wie Schmerzen, Verletzungen, Hunger oder starke Funktionseinschränkungen gehören in diese Kategorie.

4. Lebensverändernde kritische Ereignisse

Der Verlust eines geliebten Menschen oder des Arbeitsplatzes sowie plötzlich auftretende Einschränkungen von Gesundheit und Leistungsfähigkeit sind Beispiele für diese Gruppe von Stressoren.

5. Chronische Spannungen und Belastungen

Hierzu zählen unter anderem ständig vorhandene Alltagsprobleme, dauerhafte Überlastung (zum Beispiel durch die Doppelbelastung Arbeit und Familie), lang anhaltende Krankheiten sowie Funktionseinschränkungen und Behinderungen.

6. Transitionen (kritische Übergänge im Lebenslauf)

Pubertät, Klimakterium, Berufseinstieg oder Berufswechsel, der Übergang ins Rentenalter und das Empty nest-Syndrom – immer wenn ein Lebensabschnitt zu Ende geht, kann dies als starker Stressor wirken.

Stress: gut, wenn er kurz kommt – gefährlich, wenn er bleibt

Wie man an dieser Einteilung sehen kann, ist die Liste der Stressoren lang und beliebig erweiterbar. Vollständig sein kann sie wohl nie und das ist auch nicht relevant. Viel wichtiger sind zwei grundsätzliche Einsichten:
Erstens: Kurzfristiger Stress ist kein Problem, sondern evolutionsbiologisch sinnvoll. Durch die Stressreaktion verfügen wir sehr schnell über ausreichend Energie, um die stressige Situation zu meistern. Er ist also nicht nur nicht schlecht, sondern Quell ungeahnter Fähigkeiten.

Zweitens: Chronischer Stress schadet uns dahingegen nicht nur kurzfristig, sondern schädigt uns im schlimmsten Fall für das ganze Leben. Kein Organismus kann auf Dauer kämpfen, ohne irgendwann erschöpft zusammenzubrechen. Die Folge sind zunächst einzelne Funktionsstörungen, die sich schließlich in chronischen Erkrankungen manifestieren und am Ende zum Tod führen.
„Besuch ist wie Fisch, nach drei Tagen stinkt er.“, soll Benjamin Franklin gesagt haben. Stress ist ähnlich. Kommt er kurz und geht bald wieder, kann er für viel Gutes sorgen. Bleibt er länger, wird er erst nervig, dann belastend und ist am Ende nicht mehr zu ertragen.

Greifen wir zur Veranschaulichung auf unser Beispiel der Blutgerinnung aus dem ersten Teil zurück: Kurzfristig ist die Tatsache, dass die Blutgerinnung unter Stress erhöht wird, sehr sinnvoll: Verbluten müssen wir auf diese Weise nicht sofort. Langfristig kann sie jedoch tödlich wirken, weil sie Thrombosen und Herzinfarkte verursacht.

Stress: Gesundheitsrisiko im 21. Jahrhundert

Die Frage, wie sich ein Stressor auswirkt (und ob er chronisch wird oder nicht), hängt von verschiedenen Faktoren ab. Wie wir im zweiten Teil gesehen haben, spielt unsere Bewertung in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Aber nicht nur sie allein. Auch unser Umfeld hat maßgeblichen Einfluss darauf. Haben wir Rückhalt in Form von Freunden oder Familie oder werden wir überall nur geärgert oder sogar gemobbt? Sind wir körperlich fit und verfügen über genügend Ressourcen (z. B. in Form von Wissen, Geld oder Zeit) oder sind wir eingeschränkt und kommen finanziell gerade so über die Runden? Je weniger Ressourcen wir haben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, chronischen Stress zu entwickeln und dadurch krank zu werden.

Laut WHO zählt Stress zu den größten Gesundheitsrisiken des 21. Jahrhunderts – und das zu Recht. Fast jeder Bereich unseres Lebens ist durchorganisiert und verplant, voller Aufgaben und Herausforderungen – und viel zu oft haben wir keine Möglichkeit, zu entrinnen. Ganz im Gegenteil können wir in den meisten Fällen weder flüchten noch angreifen – auch nicht verbal, indem wir dem Stressor „Gegenüber“ das ins Gesicht fauchen, was wir unbedingt loswerden müssten, um uns wieder zu entspannen. Besonders deutlich wird das in der Arbeitswelt.

Erst die Arbeit, dann das Verzweifeln

Den Großteil unserer Zeit verbringen wir erwachsenen Menschen damit, zu arbeiten und das zunehmend auf Kosten unserer Gesundheit. Entweder, weil die Arbeit weder bezahlt noch als Arbeit anerkannt wird (wie zum Beispiel Hausarbeit oder die Betreuung und Pflege von Kindern oder Angehörigen) oder weil der Ort, an dem wir arbeiten, Bedingungen bietet, die kaum zu ertragen sind. So fühlen sich sehr viele Menschen permanent überfordert und nicht wenige unterfordert. Oft gesellt sich die Einsicht dazu, dass die eigene Arbeit weder anerkannt wird, noch dass es irgendeine Chance auf Weiterentwicklung gibt. Ein weiterer Stressor: fehlender Entscheidungsspielraum. Hat man lange angenommen, dass besonders Manager unter sehr viel Stress leiden, zeigt sich heute ein anderes Bild: Den größeren Stress erleben diejenigen, die kaum oder gar nichts entscheiden dürfen. Menschen, die auf unteren Hierarchie-Ebenen arbeiten, zeigen eine ca. vier Jahre verkürzte Lebenserwartung und eine doppelt so hohe Infarktwahrscheinlichkeit.

Ganz besonders gravierende Folgen hat die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Die fatalen Folgen dauerhaft zu hoher Anforderungen bei gleichzeitig nicht vorhandener Wertschätzung zeigte sich besonders drastisch vor 12 Jahren in Frankreich. Dort führten geplante Massenentlassungen und gravierende Umstrukturierungen bei France Télécom zu derart schlimmen Arbeitsbedingungen, dass sich innerhalb von zwei Jahren 19 Mitarbeiter das Leben nahmen und 12 weitere es versuchten.

Wer daraus schließt, ohne Arbeit zu sein, würde Stress vermindern, irrt jedoch gewaltig. Arbeitslosigkeit bedeutet einen Zustand permanenter Sorge, der, vor allem wenn der Bezug von ALG II (Hartz IV) die Folge ist, in gravierenden finanziellen Nöten endet. Ganz besonders bitter ist das für sogenannte „Aufstocker“ – all jene also, die trotz Arbeit nicht genug verdienen und auf Teilzahlungen aus dem Hartz IV–Topf angewiesen sind. Eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist dann kaum mehr möglich und führt direkt in die nächste Stressfalle: Isolation. Wer sich den Kino- oder Friseurbesuch nie leisten kann, ist irgendwann einfach nicht mehr Teil der Gemeinschaft.

Dass es immer auch anders geht, zeigt das Beispiel des US-amerikanischen Immobilienunternehmens St. John Properties, das seine 189 Angestellten zu Weihnachten mit einem besonderen Geschenk überraschte. Insgesamt 10 Millionen US-Dollar verschenkte das Unternehmen an seine Mitarbeiter als Dankeschön für ihre Arbeit.

Solche Beispiele machen Hoffnung auf eine andere Arbeitswelt. Dringend nötig ist eine Veränderung in jedem Fall. Auch und vor allem im digitalen Zeitalter, in dem viele Arbeitnehmer sich zunehmend von der ständigen Erreichbarkeit gestresst fühlen. Die Digitalisierung unserer Welt hat unbestreitbare Vorteile, sie sollte jedoch nicht dazu führen, dass die Grenze zwischen Privat- und Arbeitsleben vollständig verschwimmt. Immer erreichbar und über alles informiert sein zu müssen ist ein Anspruch, dem viele Menschen gerecht werden sollen, aber weder können noch wollen.

„Im Zweifelsfall entscheide man sich für das Richtige.“ (Karl Kraus) – und das gilt auch für unser Digitalverhalten. Seinen Arzttermin online buchen zu können, ist ohne Frage eine große Erleichterung – immer und überall erreichbar zu sein, dahingegen nicht. Diese Erfahrung machen bereits Kinder. Den Druck, den wir Erwachsenen aus dem Arbeitsleben kennen, bekommen sie bereits im Kindergarten zu spüren. Wie ein giftiger roter Faden zieht er sich durch die noch jungen Leben unserer Kinder. Die Folge sind Burnout-Symptome bei Grundschulkindern, die lange Zeit nur von Managern bekannt waren.

Gönn Dir was und kauf es Dir

Gern wird versucht, die ganze Mühe durch den Erwerb von Statussymbolen zu belohnen, was nicht selten in die nächste Stressspirale führt. Dem gängigen Schönheitsideal, das uns von sämtlichen Werbeplakaten entgegenstrahlt, entsprechen die wenigsten Menschen. Für alle anderen ist die Message klar und bitter „Du bist nicht genug!“. Nicht schön genug, nicht groß genug, nicht interessant genug. Auch diese Einsicht löst Stress aus. Statt sich auf einen intimen Abend mit dem Partner zu freuen, zernagen wir uns mit Selbstzweifeln und sind gestresst. Das dadurch ausgeschüttete Adrenalin unterdrückt die Libido und so heißt es schämen und verzweifeln, statt in trauter Zweisamkeit Intimitäten auszutauschen. Die Folge sind Probleme in der Partnerschaft, womit die Liste der Stressoren um einen weiteren Punkt verlängert wird.

Stress und Angst

Das alles macht Angst – womit wir beim nächsten Stressor angelangt sind. Ursprünglich sinnvoll, weil sie uns auf Gefahren hinweist und daran hindert, unnötige Risiken einzugehen, nimmt sie heute oft ein Eigenleben an, weil die Ursachen nicht verschwinden. Geldsorgen, Angst vor dem sozialen Abstieg, Angst vor Einsamkeit ... Die Liste ist lang und traurig und das Ergebnis immer dasselbe: chronischer Stress. Angst hat die üble Eigenschaft, sich zu verselbstständigen, wenn man sie gewähren lässt. Vermeidungsstrategien scheinen zunächst erfolgreich, verschlimmern jedoch auf lange Sicht die Angst. Auch schnelle Abhilfen, wie der Konsum von allerlei berauschenden Substanzen, wirken zunächst hilfreich, verursachen aber auf lange Sicht das nächste Problem: Abhängigkeit.

Um die Angst loszuwerden, muss man ihr begegnen und langsam die Kontrolle zurückgewinnen. Angst bedeutet Kontrollverlust, was im Gegenzug bedeutet: je häufiger die Situation unter Kontrolle ist, desto weniger Angst stellt sich ein. Das lässt sich bereits bei Säuglingen beobachten. Sie versuchen durch ihr Schreien, eine unangenehme Situation zu verändern. Viel mehr als schreien können sie ja nicht. Werden die Schreie erhört, lernt das Kind, dass es selbst etwas bewirken kann und wird später weniger stressanfällig.

Cortisol – Fluch und Segen

Cortisol wirkt in unserem Körper auf vielfältige Weise und ist gerade in stressigen Zeiten wichtig, um das innere Gleichgewicht wieder herzustellen. Auf Dauer machen erhöhte Cortisolspiegel uns jedoch unweigerlich krank. So verändert sich beispielsweise unser präfrontaler Cortex im Gehirn. Dieser auch als Stirnlappen bezeichnete Bereich spielt für die Kontrolle von Emotionen eine entscheidende Rolle, indem er dafür sorgt, dass wir unser Denken durch logische Analysen beeinflussen. Ist er geschädigt, wird es immer schwieriger, sinnvolle Entscheidungen zu treffen.

Ein weiterer Effekt von Cortisol ist die Schwächung des Immunsystems. Als Folge haben es Viren und Bakterien viel leichter, uns ernsthaft krank zu machen.

Darüber hinaus erhöht Cortisol den Insulinspiegel. Die Folge: Heißhunger auf Süßes und schnell verfügbare Kohlenhydrate, wie Weißmehl, denn der Körper braucht schnell Energie. Ein riesiges Verlangen nach allem, was viel Zucker und Fett enthält, stellt sich ein. Dass wir davon dick werden, ist nur eine Frage der Zeit und schon haben wir den nächsten Grund, gestresst zu sein. Diät lautet dann die scheinbar beste Lösung und macht das Problem doch nur viel schlimmer, denn Diät bedeutet wieder Stress und erhöht den Cortisolspiegel weiter. Um abzunehmen, müssen wir erst den Stress reduzieren. Wenn wir uns dann besser fühlen, können wir die Ernährung umstellen. Nicht anders herum.

Stress macht uns krank, bevor es uns gibt

Die Folgen von chronischem Stress sind allgegenwärtig: Erschöpfung, Burnout, chronische Fatiguen. Auf werdende Mütter wirkt sich dieser Stress doppelt aus: auf sie selbst und ihr ungeborenes Kind. Dies äußert sich unter anderem darin, dass diese Kinder ein signifikant erhöhtes Risiko haben, später an Allergien zu erkranken.

Neben den genannten Faktoren gibt es zahlreiche andere negative Auswirkungen von chronischem Stress. Die ständige Erregung des sympathischen Nervensystems führt zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die dauerhafte Erhöhung des Blutzuckerspiegels führt zu Leber- und anderen Organerkrankungen. Ein dauerhaft erhöhter Muskeltonus sorgt für Verspannungen, Haltungs- und Gelenkschäden und Spannungskopfschmerzen – um nur einige Beispiele zu nennen.

Fazit

Stress ist in Maßen genau das, was wir brauchen, um eine Herausforderung zu bewältigen. Wird er jedoch chronisch, beeinträchtigt er nicht nur unser seelisches Wohlbefinden, sondern wirkt sich katastrophal auf unsere Gesundheit aus. Chronischer Stress macht krank und endet im schlimmsten Fall tödlich. Höchste Zeit also, etwas dagegen zu tun. Den Anfang macht man wie so oft am besten bei sich selbst. Wie das gelingen kann, erfährst Du im vierten Teil unserer Serie.


Quellen: 

BZGA. Franzkowiak, Peter und Franke, Alexa (2018, 13. Juni): Stress und Stressbewältigung. [14.02.2020]
3Sat. Scobel (29.11.2016). Die Stress Spirale. [YouTube]. (Zugriff am 14.02.2020).
Praxis Dr. Bader: Stressmedizin. [14.02.2020]
TK. Wie Gehirn und Hormone die Stressreaktion steuern. [14.02.2020]
Verband für ganzheitliche Gesundheitsberatung e.V.: Dauerstress macht dick. [14.02.2020]
Lungenärzte im Netz. (2008, 05. Juni): Stress in der Schwangerschaft kann das spätere Allergierisiko des Kindes erhöhen [14.02.2020]
Tagesschau. (2019, 20. Dezember): Haftstrafen für Ex-Télécom-Manager. [14.02.2020]

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