Stress im Körper: Was passiert? (1/5)

Stress – jeder kennt ihn, alle haben ihn, manche brauchen ihn. Warum ist das so? Wo kommt Stress her und wie verschwindet er wieder? Macht Stress Sinn oder nur krank? Welche Folgen hat chronischer Stress und wie kommen wir da je wieder raus?

Auf der Suche nach Antworten beginnen wir in diesem ersten Teil mit der Biologie – und reisen dazu über 80 Jahre in die Vergangenheit.

Stress – was ist das eigentlich?

„Ich habe allen Sprachen ein neues Wort geschenkt – Stress.“ Mit diesem Satz fasst der Mediziner, Biochemiker und Hormonforscher Hans Selye sein Lebenswerk zusammen. Im Jahr 1936 hat er den Begriff eingeführt und sich in 39 Büchern und 1700 Arbeiten mit dem Thema beschäftigt. Weltweit und in zahlreichen Sprachen wird Selye daher auch immer dann gern zitiert, wenn’s um Stress geht.
Stringere lautet der lateinische Begriff, von dem das Wort Stress abgeleitet ist, und bedeutet so viel wie anspannen. Dass das Wort auch in der Physik gebraucht wird, wusste schon Selye. Auch mit den Arbeiten von Walter Cannon war er gut vertraut. Rund 20 Jahre früher (im Jahr 1915) tauchte der Begriff dort bereits auf, als Cannon die fight-or-flight response, also die Kampf- und Flucht-Reaktion beschrieb. Womit wir wieder bei uns, dem Stress und damit mittendrin sind.

Stress im Körper: Was passiert?

Für unseren Körper bedeutet Stress zunächst einmal ein Ungleichgewicht. Das ist gar nicht schlimm, aber für unseren Organismus kein erstrebenswerter Zustand, denn unser Körper mag‘s schön ausgeglichen. Darum steuert und reguliert er munter vor sich hin, um das innere Gleichgewicht aufrecht zu erhalten. Homöostase nennt man diesen Prozess und meint damit eben diesen Gleichgewichtszustand (von dem auch wieder Walter Cannon erstmals berichtet hat). Sind wir gestresst, dann sind wir nicht ausgeglichen, sondern in Alarmbereitschaft. Wir fühlen uns bedroht und müssen die Situation sofort analysieren, um genauso schnell eine Entscheidung zu treffen. „Kämpfen oder rennen?“ lautet die Frage. Einige wenige beantworten sie mit einer dritten Option: Einfach tot stellen. Manchmal hilft’s.

Entscheiden wir uns allerdings für Kampf oder Flucht, brauchen wir alle verfügbare Energie für höchste Aufmerksamkeit und volle Muskelkraft. Alle Vorgänge, die nicht überlebensnotwendig sind, werden dafür heruntergefahren. Wir werden blass vor Schreck, weil die Haut weniger durchblutet wird. Wir denken nicht im Entferntesten an das kleine oder große O, weil der Sexualtrieb ausgeschaltet wird. Auch Verdauen wird zur Nebensache und das ergibt Sinn: Wer um sein Leben rennt, sollte nicht gerade mit der Verdauung eines Brötchens beschäftigt sein.
Als oberste Steuerzentrale regelt all diese Vorgänge unser Gehirn. Klein, aber besonders wichtig ist dabei die sogenannte Amygdala. Als Mandelkern wird sie auch bezeichnet und gehört zum limbischen System, also dem Bereich im Gehirn, der Emotionen verarbeitet und das Triebverhalten steuert. Droht uns Gefahr, feuern die Nervenzellen der Amygdala stärker – solange, bis eine gewisse Schwelle überschritten ist. Dann schrillen die Alarmglocken so laut, dass die Stressreaktion anläuft. Die Frage „Kampf oder Flucht?“ steht im Raum und muss unverzüglich beantwortet werden. Sehr schnell gelangt dazu die Information „Gefahr“ über das sympathische Nervensystem im Rückenmark direkt zur Nebenniere. In ihrem Mark werden nun zwei wichtige Hormone freigesetzt: Adrenalin und Noradrenalin – wir sind hellwach und voll bei der Sache. Die körperlichen Reaktionen auf den Alarmzustand haben wir alle schon erlebt: Wir atmen schneller, unser Herz klopft laut, schnell und bis zum Hals, der Blutdruck steigt, der Puls rast hinterher. Mit dem schneller fließenden Blut gelangen mehr Sauerstoff und Blutzucker zu den Muskeln, die dadurch viel besser arbeiten können. Ob Flucht oder Angriff, wir sind bereit.

Während wir noch rennen oder kämpfen, ergreift unser Körper bereits Präventivmaßnahmen für den worst case. So wird beispielsweise die Blutgerinnung erhöht. Werden wir im Kampf verletzt, verbluten wir nicht sofort an Ort und Stelle. Auch unsere Amygdala sorgt vor: Um sicherzustellen, dass wir beim nächsten Mal vorgewarnt sind, informiert sie unser Seepferdchen im Hirn, besser bekannt als Hippocampus. Für unser Gedächtnis ist er unentbehrlich: Werden Informationen aus dem Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis übertragen, spielt der Hippocampus die erste Geige. Die stressauslösende Situation merkt er sich daher auch sehr genau. Begegnet uns der gleiche Stressor wieder, sind wir vorgewarnt und die Stressreaktion läuft noch schneller ab.

Ist die Gefahr einmal überstanden, geht es nun darum, sich wieder zu beruhigen. Das Gleichgewicht muss wieder hergestellt werden. Wir erinnern uns an das Zauberwort: Homöostase. Wichtigster Mitarbeiter in diesem Team ist die „untere Kammer“ in unserem Kopf – auch Hypothalamus genannt (hypo: unter, Thalamus: Kammer). Um das Gleichgewicht wiederherzustellen, schüttet auch er Hormone aus, die eine weitere Reaktionskette in Gang setzen. Am Ende steht auch diesmal wieder die Nebenniere, diesmal aber nicht ihr Mark, sondern die Rinde. Hier wird nun eifrig Cortisol ausgeschüttet. Dieses Stresshormon wirkt sich auf verschiedene Prozesse in unserem Körper aus. Für uns interessant ist vor allem seine dämpfende Wirkung – zum einen auf die Erregung (was gut ist, denn wir wollen uns ja beruhigen) und zum anderen auf unser Immunsystem (was kurzzeitig ebenfalls ok ist, weil dadurch auch Entzündungsvorgänge gedämpft werden).
Die eben beschriebenen Vorgänge hat Selye als Naturwissenschaftler mit drei verschiedenen Doktortiteln und 43 Ehrendoktoraten sehr genau erforscht. Stress bedeutet demnach eine Belastung für unseren Körper, den ein Reiz – auch Stressor genannt – verursacht hat und auf den wir reagieren.
Wie unser Körper darauf reagiert, haben wir uns eben angeschaut. Kein Grund zur Besorgnis also. Stress ist aus evolutionsbiologischer Sicht absolut sinnvoll. Wenn das Auto auf uns zurast, müssen wir sofort zur Seite springen und nicht erst in Ruhe darüber nachdenken, ob wir besser nach links oder rechts ausweichen. Stress kann also durchaus Leben retten. Fatal wird er erst, wenn wir ihn nicht mehr loswerden und irgendwann nicht mehr kämpfen können. Erst dann werden wir krank, aber dann wird es schnell chronisch.

Stress, Selye und das Allgemeine Anpassungssyndrom

Was geschieht, wenn der Körper über längere Zeit Stressoren ausgesetzt ist, hat Selye 1936 in seinem Allgemeinen Anpassungssyndrom (ASS) formuliert. Nachdem die Widerstandskraft kurzzeitig erhöht wird, folgen langfristig körperliche Schäden, die am ganz bitteren Ende zum Tod führen können. Die folgenden drei Phasen werden in diesem Prozess unterschieden:

  1. Alarmreaktion
  2. Widerstandsphase
  3. Erschöpfungsphase

Eustress, Disstress – alles Stress?

Für Selye war Stress nicht gleich Stress. Für ihn gab es guten Stress (Eustress) und schlechten Stress (Disstress). Demnach bringt uns guter Stress weiter, weil wir eine Herausforderung meistern, schlechter Stress macht uns hingegen einfach nur krank. Nach über 80 Jahren Forschung zum Stress wird die Unterscheidung in Eu- und Disstress heute so nicht mehr vorgenommen, denn dieselbe Situation kann sich ganz unterschiedlich auswirken. Mal meistern wir eine stressige Situation mit bewundernswert ruhiger Zielstrebigkeit, ein anderes Mal reicht ein Gedanke an die gleiche Situation und die Verzweiflung manifestiert sich in zittrigen Händen, Schweißausbrüchen und Panikattacken. Je nachdem wie zufrieden, ausgeschlafen und optimistisch wir uns fühlen und wo wir uns gerade befinden. Es ist ein Unterschied, ob ich bei gemütlichem Schummerlicht leise Hintergrundmusik genieße oder am Freitagabend im Neonlicht-beleuchteten Supermarkt an der 300-Mann langen Schlange stehe, während Schlager aus den Boxen röhren. Da kann sich derselbe Reiz gut oder schlecht auswirken. Kommt er beispielsweise in Form einer Frage daher, die unser Vordermann uns stellt, kann sich daraus ein heiteres Gespräch entwickeln oder ein lautstarkes Wortgefecht mit dem sinnlos Fragenden. Je nachdem wie wir die Situation einstufen.
Darüber hinaus ist es individuell sehr verscheiden, wie ein Reiz bewertet wird. Tritt er beispielsweise in Form eines Gesprächs mit dem Chef auf, ist höchste Aufmerksamkeit die erste Reaktion bei den meisten Menschen. Ist man gut vorbereitet? Wird es gelingen, die Argumente kurz und anschaulich auf den Punkt zu bringen? Winkt am Ende gar eine Belohnung in Form von Anerkennung? Wenn man diese drei Fragen mit „ja“ beantworten kann, hat man’s gut und kann sich der Herausforderung hochmotiviert stellen. Fühlt man sich weder gut vorbereitet, noch in der Lage, sich angemessen auszudrücken und glaubt außerdem, dass der Chef ohnehin der Meinung ist, man wäre der letzte Trottel, ist die Wahrscheinlichkeit, zu scheitern allerdings in greifbarer Nähe.

Offenbar hängt also das, was wir als Stress wahrnehmen sehr eng mit unserer subjektiven Bewertung zusammen. Wie kommen wir aber zu einer Bewertung und warum ist es gut und wichtig, das eigene Bewertungssystem zu überprüfen? Auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen machen wir uns im zweiten Teil unserer Serie.


Quellen: 

3Sat. Scobel (29.11.2016). Die Stress Spirale. [YouTube]. (Zugriff am 31.01.2020).
BZGA. Franzkowiak, Peter und Franke, Alexa (2018, 13. Juni): Stress und Stressbewältigung. [31.01.2020]
Das Gehirn Info. Drimalla, Hanna. (2018, 02. August): Gedächtnis unter Strom. [31.01.2020]
TK. Wie Gehirn und Hormone die Stressreaktion steuern. [31.01.2020]
Spektrum. Lexikon der Biologie: Stress. [31.01.2020]
Wikipedia. Allgemeines Anpassungssyndrom. [31.01.2020]

Über den Autor