Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt - Bipolare Störungen und ihre Therapien

Menschen fallen aus unterschiedlichen Gründen aus der gesellschaftlichen Norm. Belastende Lebensereignisse wie Jobverlust, Trennung oder Todesfälle sind oft Auslöser für psychische Erkrankungen. Eine unter jungen Menschen zwischen 15 und 30 Jahren häufig auftretende Psychose ist die bipolare Störung, die auch als manisch-depressive Erkrankung bezeichnet wird.  

Klassisch werden bipolare Störungen mit Psychopharmaka und psychotherapeutischen Ansätzen behandelt. Obwohl Psychopharmaka bei einem schweren Krankheitsbild meist eine sinnvolle Herangehensweise sind, wird oft zu schnell dazu gegriffen. Kritiker warnen vor Abhängigkeit, Wirksamkeit und Nebenwirkungen von Psychopharmaka. Es gibt zahlreiche alternative Heilmethoden, die in Kombination oder in Absprache mit dem Arzt als Alternative verwendet werden können.  

 

Was ist eine Bipolare Störung?

Eine bipolare Störung ist eine schwere psychische Erkrankung. Sie wird häufig auch als manisch-depressive Erkrankung bezeichnet, von der etwa 6% in Deutschland betroffen sind. Typischerweise läuft sie in verschiedenen Phasen ab und schwankt zwischen den Polen manisch bis depressiv ohne, dass der oder die Betroffene einen Einfluss darauf hat. Zwischen diesen Polen treten auch Normalzustände ein. Während der depressiven Phasen tritt gedrückte Stimmung, Schwermut und Antriebslosigkeit auf. Bei ausgeprägten depressiven Phasen steigt die Gefahr für Suizid. In manischen Phasen hingegen besteht ein Stimmungshoch oder auch starke Gereiztheit. Denken und Handeln sind stark beschleunigt, vermehrtes Risikoverhalten und ein Energieüberschuss sind weitere Charakteristika für manisches Verhalten.  

 

Psychopharmaka bei bipolarer Störung: Stimmungsstabilisierer gegen Hochs und Tiefs 

Die medikamentöse Behandlung variiert mit der Schwere der Erkrankung aber auch mit der jeweiligen Phase, in der sich der oder die Betroffene gerade befindet. Oft wird ein Medikamenten-Mix eingesetzt. Zum einen werden Medikamente für akute depressive und manische Phasen verwendet und zum anderen gibt es Medikamente für Stimmungsschwankungen.  

Zu den Simmungsstabilisierern gehören Lithium und Antikonvulsiva. Das am häufigsten verwendete Antikonvulsiva ist Valproinsäure. 

Lithium beziehungsweise dessen Salze werden bei bipolaren Störungen, Manien oder Depressionen verwendet. Sie wirken bei phasenweisen Schwankungen und werden auch zur Steigerung der Wirksamkeit in Verbindung mit Antidepressiva verwendet. Zum Vorteil von Lithium gehört, dass es bereits seit den 20er Jahren verwendet wird - es gibt also zahlreiche Nachweise zu seiner Wirksamkeit. Die Suizid-Wahrscheinlichkeit kann mit diesem Medikament um 80 % gesenkt werden.  

Es gibt allerdings auch Krankheitsbilder, bei denen eher zu Valproinsäure anstatt zu Lithium gegriffen wird. Jede manisch-depressive Erkrankung ist individuell und so kann bei Unverträglichkeiten oder unterschiedlichen Ausprägungen der Symptome zu Alternativen, wie den Salzen von Valproinsäure (Valproat), gegriffen werden.  

In stark depressiven Phasen werden in der Regel Antidepressiva und in akut manischen Phasen Antipsychotika wie Risperin oder Olanzapin mit Stimmungstabilisierern kombiniert.  

80% des Wiederauftretens manischer und depressiver Episoden können mit Psychopharmaka abgeschwächt werden.

Nachteile von Psychopharmaka bei bipolarer Störung 

Es gibt wohl keine Psychopharmaka ohne Nebenwirkung. Vor allem Langzeitwirkungen sind nur schwer abzuschätzen. Häufig sind Studien zu Psychopharmaka auf kurze Beobachtungszeiträume von 4 bis 5 Wochen ausgelegt, daher bestehen wenige Daten über Langzeiteffekte.  

Lithium und Valproinsäure wird allgemein nachgesagt, dass ihre Einnahme zu Schädigungen bestimmter Organe, insbesondere der Nieren und der Schilddrüse, führen können. Typisch sind auch deutliche Gewichtszunahmen. Frauen müssen bei der Einnahme von Valproat damit rechnen, dass es zu einer hormonellen „Vermännlichung“ mit Haarausfall und Oligomenorrhö kommen kann. Bei Lithium kann eine Überdosierung zu Herzrhythmusstörungen führen.  

Gerade in der Schwangerschaft sollten Betroffene von bipolaren Störungen auf die Einnahme von Lithium verzichten. Bei Kindern, deren Mütter Lithium während der Schwangerschaft eingenommen haben, treten häufiger Herzfehler auf.

Antipsychotika, die sonst typischerweise bei Schizophrenie verwendet werden, sind dafür bekannt, Nervenbahnen des Bewegungsapparates zu beeinträchtigen, daher kann es zu Muskelverkrampfungen und zu einer allgemeinen Verlangsamung des Bewegungsapparates kommen.  

Antidepressiva haben Nebenwirkungen wie Übelkeit, Gewichtszunahme, Verstopfung oder Schläfrigkeit. Häufig treten außerdem sexuelle Funktionsstörungen auf. 

Psychopharmaka haben Einfluss auf das Herz und führen zu Gewichtszunahme. 

 

Psychotherapeutische Ansätze als Ergänzung und zur Rückfallprophylaxe 

Bei bipolaren Störungen werden psychotherapeutische Ansätze meist in Kombination mit medikamentösen Behandlungsmethoden kombiniert. Ein unschlagbar wichtiger Vorteil dieser Ansätze ist, dass der eigene Umgang mit der Krankheit, aber auch der Umgang mit dem eigenen sozialen Umfeld verbessert werden kann. Betroffene müssen sich damit auseinandersetzen, dass sie von bipolaren Störungen ihr Leben lang begleitet werden.  

Die medikamentöse Behandlung ist gerade in akuten Fällen wichtig. Wenn es dann um die Erhaltung eines Normalzustands geht oder darum, die Rückfallquoten zu minimieren, werden verschieden Therapieformen verwendet.  

Kognitive Verhaltenstherapien befassen sich mit Einstellungen, Bewertungen und Überzeugungen. Ausgangspunkt ist es, Denkmuster zu behandeln. Im Rahmen bipolarer Störungen werden im Besonderen vier psychotherapeutische Ansätze verwendet: 

  • Gruppentherapien 
  • Familientheraphien 
  • Interpersonelle und soziale Rhythmustherapien 
  • Psychoedukation 

Gruppentherapien wecken in der Regel ein Verständnis dafür, dass man mit der Erkrankung nicht allein ist. Menschen mit bipolaren Störungen haben in Theraphiesitzungen ein Forum, in dem sie sich über ihre Erkankung mit Gleichgesinnten und in therapeutischer Begleitung austauschen können. 

Familientherapien sind sehr gut geeignet, um das enge Umfeld und die Bezugspersonen über die Krankheit zinformieren und in den Heilungsprozess mit einzubeziehen. Gemeinsam kann daran gearbeitet werden, mit Konflikten umzugehen, daher spielen Kommunikationstrainings eine große Rolle in Familientherapien.  

Interpersonelle und soziale Rhythmustherapien legen ihren Fokus darauf, einen stabilen Lebensrhythmus zu strukturieren und zu etablieren. Es geht darum, Stress so gut es geht aus dem Leben zu verbannen. Auch der Umgang mit den starken Medikamenten und deren Auswirkungen auf den individuellen Alltag können hier zum Thema werden.  

Psychoedukation hat den Fokus, Rückfälle in manisch-depressives Verhalten so gut es geht zu verhindern. Wie auch in der Rhythmustherapie werden Kenntnisse und Fertigkeiten für einen gesundheitsfördernden Lebensstil erarbeitet.  

Auch Verhaltenstherapien und andere Psychotherapien sind nicht gefeit vor Nachteilen. Jeder Mensch ist anders und nicht jede Therapieform lässt sich bei allen Betroffenen erfolgreich anwenden. Ein oft angeführter Nachteil ist die Identifikation mit der Krankheit. Je häufiger über Probleme und Sonderbehandlungen gesprochen wird, desto mehr verankert sich das Bild des Ausgegrenztseins oder der Status als Sonderling in den Köpfen.  

Kurz erklärt – Gestörte Kommunikation der Nervenzellen 

Aus der Perspektive von Nervenzellen sind bei bipolaren Störungen die Kommunikationswege gestört. Nervenzellen kommunizieren über Neurotransmitter. Auf der einen Seite werden die Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin, die für Glücksgefühle verantwortlich sind, zu wenig ausgeschüttet. Zum anderen wird phasenweise der Neurotransmitter Dopamin, der für die Antriebskraft verantwortlich ist, in zu großen Mengen produziert. 

Alternative Heilmethoden – Methoden für einen gesunden Lebensstil

Vor allem in der Psychoedukation werden Methoden für einen gesunden Lebensstil erarbeitet. Hierzu gehören neben der Lebensweise auch Mind-Body Methoden wie Yoga und Mediation. Aber auch in der Kräuterküche sind alternative Heilmethoden zu finden. Gerade für Menschen, die aus dem Normalzustand ausgebrochen sind, ist eine gesunde Lebensführung wichtig. Dazu gehören Bewegung, Sport und eine gesunde Ernährung.  

Eine Bipolare Störung ist eine schwere, ernstzunehmende Krankheit

Sport 

Bewegung und Sport sind ein wichtiger Baustein für ein gesundes und ausgeglichenes Leben. Das gilt nicht nur für gesunde Menschen, sondern vor allem auch für Menschen mit depressiven Phasen. Durch sportliche Betätigungen werden Endorphine freigesetzt. Darüber hinaus ist Sport auch gut für das Herz und wirkt sich positiv auf Körpergewicht aus. Da sich die Einnahme von Psychopharmaka negativ auf das Herz auswirken kann und eine Gewichtszunahme oft begünstigt, ist Sport gut geeignet, um diesen Nebenwirkungen entgegenzuwirken.

Zudem stärkt Sport Selbstbewusstsein, Selbstakzeptanz und Körperbewusstsein. Als sportliche Aktivität kannst du unter allen gesunden Sportarten wie Schwimmen, Radfahren, Wandern und Klettern wählen. Natürlich sind auch Mannschaftssportarten wie Fußball und Tennis empfehlenswert.

Schlaf 

Ausreichend zu schlafen ist aus vielen Gründen wichtig. Für Menschen mit bipolarer Störung ist das erhöhte Stresslevel bei Schlafstörungen gefährlich. Schlafmangel kann zu Stress und Gewichtszunahme führen. Du kannst dir zum Beispiel ein Schlaftagebuch erstellen, um so herauszufinden, welche Gegebenheiten für Dich wichtig sind, um gesund zu schlafen. Vielleicht hilft Dir ja eine Tasse heißer Tee oder eine kurze Mediation am Abend. Auch das Kuscheln mit dem Lebenspartner oder Haustier tut besonders gut.  

Yoga 

Beim Yoga geht es nicht nur darum, in engen Klamotten auf einer Sportmatte herumzuturnen. Wenn Du Yoga übst, wirst Du lernen, Bewegung, Meditation und Atemtechniken zu verbinden. So werden Stresslevel reduziert und Entspannung geübt.  

Massagen 

Stress und Ängste können auch mit regelmäßigen therapeutischen Massagen angegangen werden. Massagen beeinflussen den Hormonspiegel positiv. Genauer gesagt wird das Hormon Oxytocin, das sogenannte Kuschelhormon, gebildet, das für ein gutes Gefühl sorgt.  

Kein Kaffee, Alkohol oder Drogen 

Durch aufputschende Lebensmittel erhöht sich in manischen Phasen das Risiko, sich riskant zu verhalten. Aber vor allem Menschen mit bipolaren Störungen fallen, wenn die Wirkung von Kaffee oder Alkohol nachlässt, noch tiefer in ein Energieloch bis hin zu einer depressiven Phase.   

Regelmäßig Essen 

Ein stabiler Lebensrhythmus ist wichtig, um Stress zu vermeiden. Zur Stabilität gehört es auch, einen ausgeglichenen Blutzuckerspiegel zu halten. Schwankt dieser, kann Stress die Folge sein, wodurch wieder depressive Phasen ausgelöst werden können. Somit ist es wichtig für Menschen mit bipolarer Störung, regelmäßig zu essen. Im Idealfall drei Mahlzeiten am Tag oder auch mehrere kleine Mahlzeiten. 

Omega-3 Fettsäuren 

Omega-3-Fettsäuren wurden vielfach im Zusammenhang mit Depressionen und bipolaren Störungen untersucht. Sie werden auch zur Vorsorge bei Krebs oder Herzerkrankungen als sinnvolles Nahrungsergänzungsmittel angesehen. Omega-3 Fettsäuren findest Du z. B. in Nüssen und Leinöl.

Vitamin D 

Vitamin D wird auch als „Sonnenhormon“ bezeichnet. Es ist wichtig für unserer Glücksgefühle und gut gegen depressive Phasen. In Kombination mit Omega-3 Fettsäuren soll es sogar das Verhalten besonders stark beeinflussen. Stress wird reduziert und das Wohlbefinden verbessert. 

B-Vitamine  

B-Vitamine sind wichtig für unser Gehirn. Bei einem Mangel an Vitamin B-Komplexen kann es zu Erschöpfung, Konzentrationsschwächen und einem schlechten Gedächtnis kommen. Zu den B-Vitaminen zählen: B1 (Thiamin), B2 (Riboflavin), B3 (Niacin), B5 (Pantothensäure), B6 (Pyridoxin), B7 (Biotin), B9 (Folsäure) und B12 (Cobalamin). B-Vitamine sind wichtig für die Bildung von Serotonin und Dopamin. Diese Botenstoffe spielen gerade bei uni- oder bipolaren Depressionen eine wichtige Rolle.  

Johanniskraut 

Johanniskraut ist eine natürliche Heilpflanze mit starker Wirkung. Oft wird sie bei Verstimmungen bis hin zur Behandlung von Depressionen verwendet. Es gibt jedoch eine Reihe von Wechselwirkungen. So lässt die Wirkung mancher Antibabypille bei der Einnahme von Johanniskraut nach. Ähnlich ist dies auch bei der Einnahme von Antidepressiva, die bei bipolaren Störungen oft in Kombination mit stimmungsstabilisierenden Medikamenten wie Lithium eingenommen werden. Daher ist es wichtig, vorher eventuelle Wechselwirkungen mit dem behandelnden Arzt abzusprechen.  

Problematische Beziehungen vermeiden 

Es mag auf den ersten Blick egoistisch klingen, jedoch ist es allgemein wichtig, sich von Menschen fern zu halten, die Dir nicht guttun. Bei bipolaren Störungen sind eine stabile Lebensführung und stabile soziale Beziehungen besonders wichtig.  

 

! Wichtig zu beachten 

  • Bei einer bipolaren Störung handelt es sich um eine ernst zu nehmende Erkrankung.  
  • Diagnosen und notwendige Therapien werden mit dem selbst ausgewählten Arzt besprochen.
  • Vorsicht bei der Kombination von Psychopharmaka mit Sport und Ernährung. Bei eigenen Ideen zu Behandlung, bitte immer die eigenen Ärzte und Therapeuten konsultieren. (Bei Psychopharmaka und Sport steigt der Wasserbedarf und Johanneskraut kann die Wirkung von Antidepressiva schwächen.) 

Quellen: 

Assion, Hans-Jörg und Vollmoeller, Wolfang (Hrsg): Handbuch Bipolare Störungen - Grundlagen - Diganostik - TheraphieKohlhammer, Bochum, 2006 
Müller-Oerlinghausen, B. ,  Greil, W. und Berghöfer, A.: Die Lithiumtheraphie – Nutzen, Risiken, Alternativen, Springer-Verlag, Berlin Heidelberg1997 
Deckersbach, Thilo; Hölzer, Britta; etc.: Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie bei Bipolaren Störungen: Das Therapiemanual, Schattauer, Berlin, 2014
https://www.hsph.harvard.edu/nutritionsource/what-should-you-eat/fats-and-cholesterol/types-of-fat/omega-3-fats/ 
Pharmazeutische Zeitung: https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ausgabe-492013/medikamente-sind-nur-ein-baustein/ 
Pompili M, Longo L, Dominici G, et al. Polyunsaturated fatty acids and suicide risk in mood disorders: A systematic review. Prog Neuro-Psychopharmacology Biol Psychiatry2017;74:43-56. doi:10.1016/j.pnpbp.2016.11.007.

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