Gendermedizin - der Mann als Standard?

Biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind wohl bekannt. Nichtsdestotrotz werden diese in der Medizin oftmals vernachlässigt, wie sich unter anderem am Beispiel der COVID-19 Impfung zeigt: 

Ersten Datenerhebungen der US-Behörde Center for Disease Control and Prevention” (CDC) zu Folge kamerund 79 Prozent der Meldungen über Nebenwirkungen von Frauen, die allerdings lediglich 61 Prozent der Geimpften ausmachten. 

Die hohe Prozentzahl der Datenerhebung kann auch daherkommen, dass Frauen eher dazu neigen, Nebenwirkungen zu melden als Männer. Dass eine solch einheitliche Medizin weitreichende Folgen haben kann, ist nicht zu unterschätzen. Wofür steht der Begriff Gendermedizin eigentlich und wie sehen die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Medizin aus? 

Was ist Gendermedizin?  

Gendermedizinauch geschlechtsspezifische Medizin, ist eine Form der Medizin, bei der biologische Unterschiede von Männern und Frauen in die Diagnostik, die Behandlung und in die Rehabilitation der Patient*innen mit einbezogen werden.  

Neben der klassischen Diagnose, bei der geschlechtsspezifische Unterschiede oft nicht berücksichtigt werden, kann es bei der Behandlung mithilfe von Medikamenten ebenfalls zu Schwierigkeiten kommenUngefähr 70% der Medikamente wurden laut dem Verband für Arzneimittelhersteller (VfAin der Vergangenheit in Phase I – Studien an Männern getestet, obwohl sich die Wirkung und Nebenwirkungen der Arzneimittel bei Frauen teilweise sehr stark unterscheiden. 

Frauen und Männer gemeinsam unterschiedlich  

Einige Folgen einer einheitlichen Medikamentenaufnahme bei Männern und Frauen trotz biologischer Unterschiede werden exemplarisch in der folgenden Tabelle aufgezeigt: 

Biologische Unterschiede zwischen Mann und Frau 

Folgen bei einheitlicher Medikamentenaufnahme   

Da Frauen genetisch bedingt oft kleiner sind als Männerist ihr Body-Mass-Index (BMI) anders als beim MannDie Aufteilung des Fettgewebes ist ebenfalls unterschiedlich. Frauen gelten schneller als adipös. 

Die Dosierung der Medikamente muss der Statur angepasst werden. Arzneimittel bleiben bei Frauen länger im Fettgewebe als bei Männern. Sie werden erst als letzte Reserve aus dem Fettgewebe aktiviert und mobilisiertweshalb sie zeitverzögert, abgebaut werden. 

Männer und Frauen haben unterschiedliche Sexualhormone. Bei Frauen handelt es sich um das Hormon Östrogen, bei Männern um Testosteron. 

Hormonschwankungen (schwankender Hormonhaushalt eines einzigen Hormons) beeinflussen die Wirkung von Medikamenten. Der weibliche Zyklus kann aufgrund der hormonellen Schwankung stärkeren Einfluss auf die Wirkung und Aufnahmedauer der Medikamente nehmen. 

Der Säuregehalt im Körper ist durch die unterschiedliche Verstoffwechselung bei Männern höher als bei Frauen.  

Unter anderem kann dadurch die Aufnahme von Medikamenten im Körper unterschiedlich ablaufen. Prozesse wie die Atmung, Verdauung, oder die Hormonproduktion tragen dazu beiden Säure-Base-Haushalt im Gleichgewicht zu halten.  

Bei Frauen nimmt die Nierenfunktion im Alter aufgrund einer schlechteren Blutfiltrationsrate stärker ab als bei Männern. 

Dadurch dauert die Ausscheidung von Medikamenten bei Frauen länger. 

Medikamente- ein Heilmittel für alle? 

Medikamente können neben gesundheitsfördernden Effekten auf den Körper, auch Nebenwirkungen auslösen. Der Prozess der Entwicklung eines Medikaments muss einige Schritte durchlaufen. Üblicherweise werden neue Medikamente innerhalb mehrerer Phasen entwickelt und geprüft. In Phase I - der Untersuchung eines Medikamentes werden die passende Dosierung, die Aufnahme, Verteilung des Arzneistoffes, sowie die Wirkung geprüft. Da es, wie bereits erwähnt, Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibtwäre ein geschlechterspezifisches Testen der Medikamente wichtig.  

In PhasII wird das Medikament mit wenigen Patient*innen (je nach Art des Medikaments ca. 100 – 500) und in Phase III mit Tausenden von Patient*innen getestet. Dem Verband forschender Arzneimittelhersteller (VFA) zu Folge liegt die Frauenquote in Phase II und III mit ca. 30 Prozent immer noch nicht im Gleichgewicht. 

Laut Prof. Dr. Glezerman, einem weltweit renommierten Forscher im Bereich Gendermedizin, treten in Folge dessen bei Frauen 30 Prozent häufiger Nebenwirkungen auf als bei Männern. 

Deshalb ist es in der Medizin wichtig, genauer zu betrachten, welche weiteren Unterschiede es bei der Medikamentenverträglichkeit gibt. Hier werden einige exemplarisch aufgeführt: 

  • Digoxin (Mittel gegen Herzschwäche): In einer Studie der DIG (Digitalis-Investigation-Group) wurde festgestellt, dass Digoxin bei Männern hervorragend wirkt, während es bei Frauen die Sterblichkeit um 4,2% erhöht. 
  • Medikamente gegen BluthochdruckFühren bei Frauen oft zu mehr Nebenwirkungen als gesundheitsfördernden Aspekten, da diese im weiblichen Organismus anders wirken als bei Männern. Die Folgen daraus sind vor allem Schwindel, Übelkeit, oder Störungen der Nieren- und Leberfunktion.   
  • Schlafmittel: Diese wirken bei Frauen aufgrund der langsameren Verstoffwechselung im Körper länger. 
  • Blutverdünner: Kann bei Männern einen Herzinfarkt in der Präventionsphase verhindern. Bei Frauen tritt diese Wirkung nicht ein, jedoch wirkt der Blutverdünner hier in der Primärprävention eines Schlaganfalles. 

Warum werden die Unterschiede in Studien nicht berücksichtigt? 

„Die Forschung hat immer so getan, als gäbe es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern“ sagt Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek, Internistin und Fachärztin für Kardiologie, die im Bereich Gendermedizin als Vorreiterin giltAufgrund der in Phase I elementaren Prüfung der Dosierung und Wirkung eines Medikaments gehen zu diesem frühen Zeitpunkt bei einer nicht geschlechtsspezifischen Medizin enorm wichtige Erkenntnisse verloren. Nicht nur bei Menschen ist der geschlechterspezifische Unterschied, der innerhalb der Gendermedizin Beachtung findet, erkennbar. 

Auch bei der Durchführung von Tierversuchen zur Implementierung neuer Arzneimittel zeigt sich, dass diese häufig nur an männlichen Tieren praktiziert werden. Komplikationen mit dem weiblichen Zyklus, die ausschließlich bei den weiblichen Tieren entstehenwerden in solchen Versuchen kaum beachtet, da sie als zu zeitintensiv gelten. Ganz im Gegenteil werden vor allem männliche Mäuse bevorzugt für die Forschungsversuche neuer Medikamente eingesetzt. Weibliche Mäuse hingegen werden aufgrund der starken Schwankungen ihrer Fortpflanzungshormone gemieden. 

Eine weitere mögliche Erklärung dafür, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in medizinischen Studien nicht berücksichtigt werden, liegt darin, dass die Medizin geschichtlich bedingt lange Zeit von Männern ­dominiert wurde. Es waren vor allem Männerdie früher Krankheiten erforschten, ihre Resultate veröffentlichten und letztendlich Patient*innen behandelten. Daraus folgte die bislang spezifisch männliche Betrachtungsweise der Krankheitsbilder. 

Auffällig ist ebenfalls, dass in Deutschland bei rund 70 Prozent, der in einer Studie des VFA befragten Medizinstudent*innendas Thema Gendermedizin im Studium gar nicht präsent ist. Ein weiterer schwerwiegender Faktor ist, dass das medizinische Personal bislang nicht genderspezifisch geschult ist. 

Gendermedizin ist die Zukunft! 

Für eine zukünftig gendergerechte Behandlung ist es unabdingbar, dass bereits in der vorklinischen Forschung geschlechtsspezifische Untersuchungen durchgeführt werdenUm erfolgreiche Therapien zu ermöglichen, muss ein ausgewogenes Verhältnis von Männern und Frauen in klinischen Studien geschaffen werden, sodass sowohl Frauen als auch Männer individuell die bestmögliche Arzneimitteltherapie erhalten können.  

In der München Klinik gibt es bereits eine systematische Online-Bibliothek, bei der Mediziner*innen und Pflegekräfte auf zusammenfassenden Texten zu geschlechterspezifischen Unterschieden zugreifen können. Bei einzelnen Krankheitsbildern, die von Mediziner*innen erarbeitet werden, finden sich genderspezifische Diagnosen und Therapiemöglichkeiten wieder. 

Die feste Einbindung der Gendermedizin in die Lehre ist seit diesem Jahr an der Universität Bern und Zürich gelungen. EiWeiterbildungsstudiengang zum Thema Gendermedizin wurde eingeführt, der es ermöglichen sollgenderspezifisch zu unterrichten. Auch an der Charité in Berlin wird bereits im Bereich der Gendermedizin geforscht.  

Die dringend notwendige, stärkere Ausprägung der Gendermedizin ist auf einem sehr guten Weg. Auch das allgemeine öffentliche Interesse am Thema wächst. Wenn der Schritt für die Zukunft in die personalisierte Medizin gemacht werden soll, darf die gendergerechte Behandlung nicht außer Acht gelassen werden. 

 

Bitte beachte, dass alle Informationen für diesen Beitrag sorgfältig recherchiert wurden, jedoch keine fachärztliche Beratung oder Behandlung ersetzen und nicht dazu genutzt werden dürfen, selbst eine Diagnose zu erstellen oder eine Behandlung zu beginnen. Dazu kannst Du ganz einfach online einen Termin für eine Videosprechstunde bei einem Facharzt oder einen persönlichen Arztbesuch in der Praxis Deiner Wahl buchen. 

 

Quellen:  

Eifert, Prof.S. (Stand: 2021, Januar): Gendermedizin [02.05.2021]

Gesundheit Gv.at (Stand: 2021, April): Frauengesundheit im Fokus [02.05.2021]

Gibis, S. (Stand: 2020, März): Gendermedizin-Frauen sind anders krank [02.05.2021]

Glezerman, Prof. Dr. (2018): Frauen sind anders krank, Männer auch, München, Mosaik Verlag. 

Jamaszyk, L. (Stand: 2021, März): Gendermedizin soll raus aus dem Nischendasein [30.04.2021]

Ludwig,S. (Stand: 2016, März): Geschlechtsspezifische Medizin in der Lehre [30.04.2021] 

Magazin der deutschen Apotheker- und Ärztebank (Stand2021, Mai): Risikofaktor Frau [05.05.2021 

München Klinik (Stand 2021, April): Gendermedizin: Frau [04.05.2021] 

Novartis (Stand 2021, Mai): Gendermedizin, ist da etwas dran? [01.05.2021] 

Robert Koch Institut (Stand 2021: April) Epidemiologischer Steckbrief [04.05.2021

Regitz-Zagrosek (Stand: 2018, Juni): Gesundheit, Krankheit und Geschlecht [03.05.2021] 

Regitz-Zagrosek/Schmid-Altringer (2020): GendermedizinWarum Frauen eine andere Medizin brauchen München, Scorpio Verlag. 

Richter-Kuhlmann, Eva (Stand: 2020, Juni): Gendermedizin: Frauen erkranken anders [02.05.2021] 

Schweizerische Ärztezeitung (Stand 2020: Februar): Gendermedizin [05.05.2021) 

 

 

 

 

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