Burnout: Ausgebrannt, erschöpft und leer

Burnout: Die Entwicklung eines Begriffs

USA, 1970er Jahre. Herbert Freudenberger kennt die Probleme seiner Patienten – nicht nur als Psychologe und Psychotherapeut, sondern auch aus eigener Erfahrung. Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergreifen, ist er sieben Jahre alt und seine idyllische Kindheit im Kreise seiner jüdischen Familie beendet. Mit 12 erlebt er die Reichsprogromnacht, beschließt, vor den Nazis zu fliehen und schafft es bis zu seiner Tante nach New York. Da diese ihn jedoch aufgrund eines Familienstreits hasst, lebt er fortan auf der Straße. Zur Schule geht er trotzdem, macht seinen High-School-Abschluss mit Auszeichnung, dann eine Lehre, gefolgt von Bachelor, Master und Promotion. 

Als Psychologe und Psychotherapeut setzt er sich mit großer Hingabe für seine Patienten ein und engagiert sich außerdem intensiv in der Freiwilligenarbeit. 16-Stunden-Arbeitstage sind die Folge und normal - bis er selbst Beschwerden entwickelt. Aus psychischen Problemen werden psychosomatische, am Ende bricht er fast zusammen. 

Was ist Burnout?: Das 12-Phasen-Modell von Freudenberger

Im Jahr 1974 formuliert Freudenberger erstmals den Begriff Burnout (deutsch: ausgebrannt). Wie es zu diesem Zustand der totalen Erschöpfung kommt, beschreibt er in seinem 12-Phasen-Modell, das aus folgenden Stadien besteht:

  1.  Der Zwang, sich selbst und anderen etwas zu beweisen
  2.  Deutlich verstärkter Einsatz, um sehr hohe Erwartungen zu erfüllen
  3.  Vernachlässigen der eigenen Bedürfnisse und sozialen Kontakte
  4.  Verdrängen von Problemen, Konflikten und Bedürfnissen
  5.  Veränderung des eigenen Wertesystems: Die eigenen Werte (Freunde, Hobbies etc.) werden angezweifelt und umgedeutet
  6.  Stärkeres Leugnen der aufgetretenen Probleme, die Toleranzgrenze sinkt ab
  7. Rückzug, soziale Kontakte werden so weit wie möglich vermieden
  8. Offensichtliche Verhaltensänderung, die eigene Wertschätzung nimmt ab, Ängste nehmen zu
  9. Depersonalisation durch den fehlenden Kontakt zu anderen Personen und sich selbst
  10. Innere Leere, die zum Teil durch Überkompensation in anderen Bereichen (Drogen, Essen) ausgeglichen werden soll
  11. Depression mit typischen Symptomen wie Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit, Gleichgültigkeit und Erschöpfung
  12. Vollständige Erschöpfung, nicht selten mit Suizid-Gedanken

Burnout: Wer ist häufig betroffen?

Sein Modell des Burnouts bezog Freudenberger ursprünglich auf die Beschäftigten aus Pflegeberufen und verstand Burnout als Folge sehr hoher Belastungen und nicht weniger hohen Idealen in „helfenden Berufen" wie Pfleger*in oder Ärzt*in. Dabei folgt auf die permanente Aufopferung für Andere ein Zustand der totalen Erschöpfung, Leere und Überforderung. Menschen, die an einem Burnout leiden, finden sich heute in nahezu allen Tätigkeitsbereichen. Dabei sind Angestellte, Manager, Freiberufler und Hausfrauen oder -männer gleichermaßen betroffen.

Ist Burnout eine Erkrankung?

Deutsche Ärzte müssen ihre Diagnose nach einer genau festgelegten Klassifikation verschlüsseln, der sogenannten International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems - kurz ICD-10. Nimmt die WHO eine Erkrankung in diesen Katalog auf, ist sie international als solche anerkannt und kann gemäß dem ICD-10-Schlüssel diagnostiziert werden. Burnout ist in diesem System keine eigenständige, anerkannte Erkrankung. Zwar ging im Mai 2019 die frohe Kunde durch die Medien, die WHO habe Burnout in die ICD-11 (gültig ab 2022) aufgenommen, das stimmt aber so nicht.

Die WHO definiert Burnout als ein Syndrom, das aus chronischem Stress am Arbeitsplatz resultiert und nicht bewältigt wurde.

Charakteristisch für einen Burnout ist dabei, dass sich die negativen Gefühle und Erfahrungen ebenso wie die Reaktion darauf vor allem auf einen bestimmten Tätigkeitsbereich beziehen (meist die Arbeit.).

Die Frage, ob es gut und sinnvoll wäre, Burnout ins ICD-10 bzw. ICD-11-System aufzunehmen, wird äußerst angeregt diskutiert. So sehen Spezialisten den Begriff Burnout häufg eher als populären Sammelbegriff für eine ganze Reihe von Symptomen. Da es keine eindeutigen Diagnosekriterien für Burnout gibt, gestaltet sich die Diagnose entsprechend schwierig.

Habe ich einen Burnout? Die Anzeichen.

Wie gesagt: für Burnout gibt es keinen geregelten Diagnose-Kriterien, wohl aber Hinweise, die man ernst nehmen sollte. Drei Beschwerden gelten dabei hauptsächlich als Anzeichen für einen Burnout.

  1. Erschöpfung: Müde, niedergeschlagen, ausgelaugt und emotional erschöpft sind die Begriffe, mit denen sich Burnout-Betroffene beschreiben.
  2. Entfremdung vom Beruf: Die eigene Arbeit wird immer belastender und frustrierender, oft stellen sich ein zynische Einstellung zu Beruf und Kollegen und eine emotionale Distanz ein.
  3. Verminderte Leistungsfähigkeit: Alltägliche Aufgaben werden als negativ empfunden und lustlos und unkonzentriert bearbeitet.

Burnout: Wer kann helfen?

1. Arzt und Ärztin

Im Internet kursieren ungezählte Fragebögen, so auch zum Thema Burnout. Anhand von Internet-Fragebögen eine Selbstdiagnose zu stellen, ist allerdings nicht empfehlenswert. Wer befürchtet, an einem Burnout zu leiden (oder kurz davor zu stehen), sollte dringend fachärztlichen Rat (vor Ort oder als Videosprechstunde) suchen. Im Rahmen der Untersuchung kommen auch hier Fragebögen zum Einsatz, vor allem der „Maslach-Burnout-Inventar“- Fragebogen wird häufig genutzt und existiert für unterschiedliche Berufsgruppen. Sehr wichtig ist der Gang zum Spezialisten auch, weil andere Erkrankungen, wie eine chronische Müdigkeit, Depression, Angststörung oder die Wirkung von Medikamenten, als Ursache ausgeschlossen werden müssen.

2. Dein Arbeitgeber

Da ein Burnout vor allem aufgrund einer beruflichen Überforderung entwickelt wird und zu entsprechend langen Fehlzeiten führt, bemühen sich immer mehr Arbeitgeber darum, ihre Mitarbeiter davor zu schützen. Dies kann sich in einer Reduzierung der Aufgaben- und/oder Verantwortungsbereiche wiederspiegeln oder im gemeinsamen Erarbeiten geeigneter Strategien. So hilft es unter Umständen sehr, einem Mitarbeiter, der offensichtlich Schwierigkeiten hat, sich selbst und/oder seine Arbeit im Rahmen der Arbeitszeit effektiv zu organisieren, mit einem Training in Selbst- und Zeitmanagement zu helfen. Nach diesem Training können gemeinsame Ziele und Vereinbarungen festgelegt, gemeinsam überprüft und das weitere Vorgehen besprochen werden.

3. Du selbst

Ohne Frage: Wer bereits einen ausgeprägten Burnout entwickelt hat, braucht Eins ganz sicher nicht: weitere Aufgaben. Wer jedoch bei sich selbst bemerkt, dass er zunehmend überfordert und erschöpft ist, sollte die Notbremse ziehen und sich selbst in den Mittelpunkt der Lösungsstrategie stellen. Ein Ansatz ist, sich ein geeignetes Selbst- und Zeitmanagment anzueignen, ein anderer, Stress zu minimieren.

Burnout: Wenn Eltern betroffen sind

Oft vergessen und besonders betroffen sind Kinder psychisch erkrankter Eltern. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, im Gegenteil beziehen sie die Probleme der Eltern oft auf sich, leiden darunter und brauchen dringend Hilfe. Ein Ansatz ist der Verbund chimps-net, dessen erklärtes Ziel es ist, „die Situation von Kindern und Jugendlichen und ihren psychisch erkrankten Eltern zu verbessern". Um dieses Angebot zu optimieren, findet aktuell eine Telefon-Umfrage des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf statt, an der  betroffene Eltern und (erwachsene) Kinder teilnehmen können.

Eine persönliche Anmerkung zum Schluss

Es ist ohne Frage ein schwerer Schritt, sich selbst einzugestehen, dass man Hilfe braucht und ein zweiter, sich diese Hilfe auch zu suchen. Wer diese ersten Schritte geht und auf diese Weise Hilfe für sich selbst und seine Kinder sucht, muss sich weder schämen noch verstecken. Im Gegenteil: Es erfordert Mut und sehr viel Kraft, sich seinen Problemen zu stellen und nach Lösungen zu suchen. Ich persönlich habe davor den allergrößten Respekt und möchte jeden ermutigen, der leidet, sich Hilfe zu suchen. Es gibt Wege aus diesem Tal, Du siehst sie nur gerade nicht. Um sie zu gehen, brauchst Du Hilfe. Finden kannst Du sie zum Beispiel hier.

Bitte beachte, dass alle Informationen für diesen Beitrag sorgfältig recherchiert wurden, jedoch keine fachärztliche Beratung oder Behandlung ersetzen und nicht dazu genutzt werden dürfen, selbst eine Diagnose zu erstellen oder eine Behandlung zu beginnen. Bitte wende Dich dazu an eine Ärztin / einen Arzt (z. B. indem Du einen Termin für eine Videosprechstunde oder für einen persönlichen Arztbesuch in der Praxis buchst).


Quellen: 

Deutsche Gesellschaft für Prävention und Gesundheitsfördeung DGPG: Was ist Burnout? [28.11.2020]
WDR Quarks. Gerhard, Saskia (2019, 29. Mai): Darum ist Burnout keine Krankheit [28.11.2020]
Gesundheitsinformation: Was ist ein Burnout-Syndrom? [28.11.2020]
Süddeutsche Zeitung. (2015, 12. August). Fragen an den SZ-Jobcoach: Muss ich einen Mitarbeiter vor Burnout schützen? [28.11.2020]
Flowfinder. Bellon, Alex: Zeitmanagement: Die 10 besten Methoden im Überblick [28.11.2020]
chimpsnet: Der Verbund für Kinder und Jugendliche mit psychisch erkrankten Eltern [28.11.2020]
Universtitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: Teilnehmer*innen für ein Telefoninterview gesucht: Weiterentwicklung einer Internetseite für Familien mit psychisch erkranktem Elternteil [28.11.2020]

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