Ärztemangel auf dem Land

Es war einmal eine junge Berlinerin, die aufs Land gereist ist, um ihre Eltern zu besuchen....

Freitagabend:

Ich sitze im Zug, denn ich habe mich dazu entschieden, über das Wochenende zu meinen Eltern aufs Land zu fahren, um dem Großstadtgewusel in Berlin für ein paar Tage zu entkommen. Es ist ein schöner Winterabend und es ist Erkältungszeit – ich habe schon seit ein paar Tagen so ein Kratzen im Hals und nun merke ich wie meine Mandeln anfangen anzuschwellen. „Ach was“, denke ich – „die gute Landluft lässt mich schon nicht krank werden“.

Sonntagabend:

Ich liege mit erhöhter Temperatur im Bett. Selbstdiagnose: Mandelentzündung! Ich brauche dringend ein Antibiotikum und muss am Montag zum Arzt. Alles gut denke ich, die Kleinstadt, in der meine Eltern leben, hat mit knapp 5.000 Einwohnern einen Hausarzt.

Montagmorgen:

Ich stehe also am Montagmorgen um 7:30 Uhr vor der Hausarztpraxis und reihe mich in die Patientenschlange ein. Um 8:00 Uhr gehen endlich die Türen der Praxis auf und einer nach dem anderen meldet sich an der Anmeldung an. Nach 3 Stunden warten nimmt sich der Arzt 5 Minuten Zeit. Diagnose: Mandelentzündung. Er verschreibt mir Antibiotika. 

“Hier herrscht Ärztemangel” heißt die offizielle Begründung, als ich Nachfrage, ob es montags immer so voll ist.

Ärztemangel – dieser Ausruf ist so ziemlich Jedem ein Begriff. Dabei heißt es doch oft, unser Gesundheitssystem stehe im internationalen Vergleich ziemlich gut da - so titelt zumindest die OECD in ihrem letzten Report. Dennoch liegt das Wort „Ärztemangel“ wie ein grauer Schleier über unseren Köpfen, wenn es um unsere Gesundheitsversorgung geht.

Zahlen und Fakten zum Ärztemangel in Deutschland 

Tatsächlich ist laut den aktuellen Daten des Bundesarztregisters mit Stand Ende 2018 die Zahl der niedergelassenen Vertragsärzte in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr weiter gestiegen.

Auffallend ist jedoch, dass es beim Versorgungsangebot starke regionale Unterschiede gibt. Die höchste Ärztedichte (Ärzte pro 100.000 Einwohner) haben demnach weiterhin die Stadtstaaten Bremen (296,2), Hamburg (295,7) und Berlin (285,9). Am wenigsten niedergelassene Mediziner in diesem Verhältnis gibt es in Brandenburg (185,8), Westfalen-Lippe (191,0) und Sachsen-Anhalt (193,8). 

Insgesamt gab es 2018 in Deutschland rund 148.600 Vertragsärzt*innen. Das ist ein Plus von 1,5 % im Vergleich zu 2017. Aber da Ärzt*innen zunehmend in Teilzeit oder als Angestellte statt Praxisinhaber*in arbeiten möchten, bedeutet das einen tatsächlichen Zuwachs von nur etwa 0,2 %. Wie überall in der Gesellschaft ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch für jungen Ärzt*innen ein wichtiges Thema.

Von den 148.600 Vertragsärzt*innen in Deutschland sind etwa 54.741 Hausärzt*innen. Das derzeitige Durchschnittsalter niedergelassener Ärzt*innen liegt bei 54 Jahren. In den nächsten 10 Jahren werden Schätzungen zufolge etwa 10.567 von ihnen fehlen, da sie in Rente gehen – besonders viele auf dem Land, denn dort geschlossene Hausarztpraxen haben oft große Probleme Nachfolger*innen zu finden. Die Ausbildung neuer Hausärzt*innen dauert dahingegen lange - im Schnitt ca. 12 Jahre.

Das sind keine rosigen Aussichten für die Zukunft der Gesundheitsversorgung auf dem Land. Es ist also allerhöchste Zeit über sinnvolle Lösungsansätze nachzudenken, wie dem Ärztemangel entgegengewirkt werden kann.

Welche Maßnahmen werden aktuell diskutiert und erprobt?  

Um dem Trend entgegenzuwirken, gibt es momentan verschiedene Ansätze zur Problembewältigung. Einige Ideen sind bereits in Pilotprojekten realisiert und getestet worden. 

Finanzielle Anreize und Sonderförderung

Die kassenärztlichen Vereinigungen bieten jungen Ärzt*innen z.B. oft neben neuen Arbeitsmodellen auch finanzielle Anreize, um aufs Land zu gehen. In Thüringen gibt es bspw. das Landesprogramm zur Förderung von Arztpraxen im ländlichen Raum. Dazu gehören etwa Honorarzuschüsse für Ärzt*innen in unterversorgten Gebieten sowie ein „Thüringenstipendium“ der Stiftung für Nachwuchsmediziner in der Facharztausbildung. Diese erhalten während der fünfjährigen Facharztweiterbildung monatlich 250€, wenn sie nach Abschluss ihrer Ausbildung vier Jahre in Thüringen bleiben.

In anderen Bundesländern setzt man auf eine Erhöhung der Studienplätze für den Mediziner-Nachwuchs. Nordrhein-Westfalen hat sich bspw. auf eine neue staatliche Medizin-Fakultät an der Uni Bielefeld geeinigt. Ab 2021 sollen hier 300 Mediziner*innen pro Jahrgang ausgebildet werden. Ein Schwerpunkt der Fakultät liegt auf der Allgemeinmedizin. Ab dem Wintersemester 2019/2020 wird in NRW zudem eine Landarztquote getestet. 7,6 % der an den Hochschulen in der Träger­schaft des Landes verfügbaren Medizinstudienplätze soll demnach an Bewer­ber*innen gehen, die sich verpflichten, nach dem Studium für 10 Jahre in einer unterversorgten oder von Unterversorgung bedrohten Region als Hausärzt*in tätig zu werden. Wer den Vertrag jedoch nicht erfüllt, muss mit einer Strafzahlung in Höhe von 250.000 Euro rechnen. Die Bundesländer Sachsen-Anhalt und Rheinlandpfalz wollen mit der Landarztquote nachziehen.

E-Health-Initiativen und Digitalisierung in der Arzt-Patienten-Beziehung

Ein weiteres Pilotprojekt ist der sogenannte "Telenotarzt". Bereits im Jahr 2014 hat Aachen als erste deutsche Kommune das Modell "Telenotarzt" eingeführt. Jetzt macht sich die Regierung für eine landesweite Einführung des Modells stark.

Ein Telenotarztsystem ermöglicht eine unmittelbare, sichere und zuverlässige Telekonsultation eines Notfallmediziners im Rettungseinsatz. Die Besatzung eines Rettungswagens kann sich somit von einem "Telenotarzt" in der Zentrale unterstützen lassen. Die Notärzt*innen sind durch eine Live-Schaltung mit Bild und Ton virtuell mit vor Ort und können so eine erste medizinische Einschätzung abgeben. Das Telenotarztsystem kann die Einsatzkräfte somit in Ihrer Arbeit optimal unterstützen und das Rettungssystem sinnvoll ergänzen. Durch das Modell könnten mehr Notfälle durch eine*n Notärzt*in unterstützt und der fahrende Notarzt gezielt für lebensbedrohliche Fälle eingesetzt werden. Die Bilder aus dem Rettungswagen sind von höchster Qualität, deshalb können die Ärzt*innen schnell Diagnosen stellen und entscheiden, was zu tun ist. Zeitaufwändige Fahrten zum Einsatzort fallen weg bzw. kann das therapiefreie Intervall bis zum Eintreffen  „konventioneller“ Notärzt*innen überbrückt werden und die weiterhin vorhandenen Notarzt-Kapazitäten zielgerichtet eingesetzt werden - die Ärzt*innen sind immer verfügbar.

Zahlreiche E-Health-Initiativen sind bestrebt, die Gesundheitsversorgung von morgen durch digitale Anwendungen mit dem Ziel zu sichern, die Versorgung in ländlichen Gebieten u.a. durch Telemedizin zu verbessern. E-Health umfasst die digitale Vernetzung und bedeutet, bei der Versorgung von Patienten auf elektronische Unterstützung zu setzen. Eine flächendeckende Einrichtung von Online-Terminvergaben für Patient*innen und Zuweiser*innen ist dabei ein erster Schritt in Richtung digitales Zeitalter mit einem hohem Pateintenservice. Die online Terminbuchung ermöglicht es beispielsweise Patient*innen, die zeitliche Verfügbarkeit der Ärzt*in online einzusehen und direkt einen Termin zu vereinbaren, unabhängig von Zeit und Ort, 24 Stunden lang, an 7 Tagen pro Woche und ohne telefonische Warteschleife. Das spart nicht nur eine Menge Organisation hinter dem Empfangstresen der Praxis oder Klinik, es ermöglicht auch eine schnellere Terminvergabe und eine größere Transparenz. Die automatische Terminerinnerung per E-Mail und/oder SMS verringert das Vergessen von Terminen für Patient*innen. Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass abgesagte Termine gleich wieder verfügbar sind und direkt wieder vergeben werden können. 

Darüber hinaus bieten telemedizinische Services wie die Videosprechstunde neue Modelle, Patient*innen zu behandeln und ermöglichen die Durchführung örtlich ungebundener Termine. So kann etwa ein*e Ärzt*in per Videoübertragung von Patient*innen konsultiert werden, der dann anhand der Sichtung der Patient*in, ihrer Schilderungen und bestimmter körperlichen Daten eine Diagnose stellt. Unnötige Wege sowie Anreise- und Wartezeiten entfallen. Vor allem für chronisch Kranke oder mobil eingeschränkte Patient*innen ist die Video-Sprechstunde daher eine ideale Ergänzung zur ärztlichen Behandlung. Videosprechstunden oder die Erfassung von Gesundheitsdaten per App ermöglichen es Ärzt*innen, effizienter zu arbeiten und somit mehr Patient*innen zu versorgen. Es gilt  auch, neue Modelle der Zusammenarbeit zwischen medizinischen Berufen zu erproben. In einigen Regionen Deutschlands wird bspw. bereits das Konzept erprobt, dass ein*e Arzthelfer*in oder medizinisches Pflegepersonal zum Hausbesuch der Patient*innen fährt und dann die erhobenen Gesundheitsdaten an die Praxis übermittelt. Bei Bedarf schaltet sich der Ärzt*in kurz per Video dazu.

Arbeitswelt 4.0 auch im Gesundheitswesen 

Neue Konzepte müssen jedoch auch im Arbeitsverhältnis etabliert werden, um attraktive Rahmenbedingungen für Ärzt*innen auf dem Land zu schaffen. Da viele junge Ärzt*innen das Risiko einer eigenen Praxis nicht (mehr) tragen wollen, müssen auch hier neue Möglichkeiten geschaffen werden. Ein Beispiel dafür bietet der Fall einer Kommune als Träger einer Arztpraxis oder eines medizinischen Versorgungszentrums. Beim Gesundheitszentrum Katzenelnbogen in Rheinland-Pfalz z. B. sind die Ärzt*innen genauso angestellt wie die Arzthelfer*innen und das Reinigungspersonal. Sie tragen damit kein Risiko wie bei einer eigenen Praxis. Die meisten der insgesamt 21 Angestellt*innen arbeiten in Teilzeit - auch die Ärzt*innen. Die Sicherheit und Flexibilität haben bei vielen jungen Ärzt*innen Interesse geweckt, denn eine bessere Work-Life-Balance wünschen sich auch viele Mediziner*innen.

Es ist also längst an der Zeit, gut funktionierende Strukturen in der Versorgung zu schaffen – JETZT. Damit sich auch künftig genügend Ärzt*innen auf dem Land in eigener Praxis niederlassen, müssen bessere Anreize jetzt geschaffen werden. Mediziner*innen müssen mehr denn je davon überzeugt werden, dass sich eine Niederlassung auf dem Land lohnt und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch dank gemeinschaftlicher Arbeitsformen realisierbar ist. Die Umsetzung innovativer Versorgungsstrukturen bietet dabei eine zukunftsweisende Weiterentwicklung der medizinischen Versorgung im Rahmen der Daseinsvorsorge.


Quellen:

OECD: https://www.oecd.org/newsroom/healthier-lifestyles-and-better-health-policies-drive-life-expectancy-gains.htm
KBV: https://www.kbv.de/media/sp/2018_12_31_BAR_Statistik.pdf
Das Erste: https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/mittagsmagazin/videos/ard-mittagsmagazin-aerztemangel-auf-dem-land-video-100.html

Aerzteblatt:
https://www.aerzteblatt.de/dossiers/aerztemangel?nid=10280

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